„So regiert die Kanzlerin“: Interview mit Margaret Heckel

Dr. Margaret Heckel Frau Heckel, sie sind Journalistin und Autorin des Buches „So regiert die Kanzlerin“. Wie beschreiben Sie den Führungsstil von Angela Merkel? Ist das eine typisch weibliche Art zu führen? Was unterscheidet die Kanzlerin von ihren männlichen Politikerkollegen?

Margaret Heckel: Ich glaube nicht, dass Angela Merkel einen speziell weiblichen Führungsstil hat. Was sie aber nach meiner Beobachtung von sehr vielen Politikern unterscheidet, ist die Fähigkeit, auch mal „neben sich zu stehen“, also sozusagen von außen auf ihre Handlungen zu gucken. Sie kann das, weil sie nicht besonders eitel ist. So ist sie in der Lage, klarer zu analysieren als viele ihrer Politikerkollegen. Und das ist letztlich der Grund, dass die Frau, die so lange in ihrer Laufbahn unterschätzt wurde, immer wieder als Siegerin rausgekommen ist. Sie war den entscheidenden Zug weiter und hat die verschiedenen Handlungsoptionen ihres Gegenübers schon durchdacht, bevor der sich überhaupt für eine dieser Handlungsoptionen entscheidet. Dieses „Mal-neben-sich-stehen“ schärft die Analysefähigkeit.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Warum macht Angela Merkel das?

Margaret Heckel: Zum einen hat ihr Hintergrund als Physikerin damit etwas zu tun, weil die Physik wie alle Naturwissenschaften nach dem Prinzip Versuch-und-Irrtum Fortschritte erzielt. Einer gelernten Physikerin ist es überhaupt nicht peinlich, einzugestehen, dass ein Weg, den man sich ausgedacht hat, nicht funktioniert: Wenn Weg A nicht funktioniert, nimmt man Weg B. Und wenn Weg B nicht funktioniert, nimmt man Weg C. Entscheidend ist, das Ziel zu erreichen. Politik funktioniert normalerweise nicht so, weil ein Politiker als gescheitert gilt, wenn er mit Weg A das Ziel nicht erreicht. Die meisten Politiker, die ich kenne, können damit nicht gut leben – schon der erste Versuch muss zum Ziel führen.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Und das ist bei Merkel anders?

Margaret Heckel: Sie setzt sich ihr Ziel, kommuniziert es aber nicht immer offen. Deswegen sagt die Öffentlichkeit auch so oft: „Wir wissen gar nicht, wo sie hin will“. Das stimmt so nicht. Nach meiner Erfahrung weiß sie immer sehr genau, wo sie hin will. Natürlich versucht auch Angela Merkel den Weg zu wählen, der sie im ersten Versuch zum Ziel bringt. Wenn sich aber dieser erste Weg nicht als zielführend erweist, dann hat sie keine Probleme, auf den nächsten Weg abzubiegen. Das sieht die Öffentlichkeit als Zick-Zack, als Unbestimmtheit. Für eine Physikerin, die in Versuch und Irrtum geschult ist, ist es vollkommen normal.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Es ist interessant, dass das in der Öffentlichkeit so missverstanden wird.

Margaret Heckel: Ja, dort wird es als Niederlage gesehen, wenn Sie nicht sofort an ihr Ziel kommen.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Die Rezeption ihres Führungsstils in der Öffentlichkeit scheint sich auch nicht zu verändern – oder konnten Sie das beobachten?

Margaret Heckel: Sie hat sich nur dahingehend etwas verändert, dass sie nicht mehr so kritisch gesehen wird, weil nichts schöner ist als der Erfolg. Weil dieser Erfolg nun mal offensichtlich ist, hat die Kritik am Führungsstil auch abgenommen. Aber das hat nichts damit zu tun, dass man ein Verständnis für die Führungsmethode entwickelt hätte.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Was war der Unterschied beispielsweise zu Peer Steinbrück?

Margaret Heckel: Steinbrück hat – auch in seiner Kanzlerkampagne – sehr oft aus dem Bauch raus entschieden, spontan und impulsiv. Das führte zu vielen Fehlern und war auch nicht erfolgreich. Merkel entscheidet fast immer kopfgesteuert, nach langem Nachdenken. Sie selbst hat das mal so beschrieben, sie hadere sehr lange mit sich. Wenn sie ihre  Entscheidung getroffen hat, bleibt es dabei. Das Ziel steht fest, dann beginnt dieser Prozess des Wegesuchens.

Das „Uneitel-sein“ ist ein ganz klarer Charakterzug von Angela Merkel. Die große Frage aber ist, inwieweit man das in zwölf Jahren Kanzleramt behalten kann. Das Kanzleramt ist zwar ein sehr mythischer Ort, weil so wenige jemals dort waren und weil das mit sehr viel Macht assoziiert wird. Aber es ist auch ein sehr einsamer Ort. Wenn sie im Kanzleramt in ihrer unmittelbaren Umgebung niemanden haben, der Ihnen die Wahrheit sagt, dann setzt die Hybris ein, die dann schnell auch zum Ende einer Kanzlerschaft führt. Die Räume sind so groß und die Teppiche sind so dick – da dringt nichts von außen herein, was nicht hereindringen soll. Wer dann nur Leute um sich hat, die bestätigen, wie toll der Betreffende ist, dann geht es sehr schnell, dass man sich seine eigene Wirklichkeit zusammenschustert. Wenn das passiert, sind sie ohne Korrektur von draußen schon auf dem absteigenden Ast.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Beobachten Sie das bereits bei Frau Merkel?

Margaret Heckel: Das kann man erst in der Retrospektive sagen – aber es ist die größte Gefahr für einen Kanzler oder eine Kanzlerin.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION:  …wobei doch gerade dieses Uneitle, das rationale und überlegte Handeln, das Zielorientierte gerade sie ja noch am ehesten dagegen feien sollten.

Margaret Heckel: In der Tat, sie hat damit einen Schutz. Aber schauen Sie die internationale Presse durch, wo zu lesen war und ist, nur Angela Merkel könne die Euro-Krise retten oder die europäische Haltung zu Putin koordinieren. Da stellt sich diese Frage: Wann setzt die Hybris ein? Möglicherweise ist sie besser als ihre Vorgänger dagegen gefeit, weil sie einen engen Kreis von sehr langjährigen Vertrauten im Kanzleramt hat. Dort wird offen geredet, aber es dringt nichts nach draußen.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Denken Sie, dass sich für Frauen, insbesondere für Frauen in Führungs- und Spitzenpositionen etwas geändert hat, seit Frau Merkel Kanzlerin ist?

Margaret Heckel: Da sehe ich die Bilanz leider noch nicht positiv. Merkel hat sich weder als Kanzlerin noch als Parteichefin als Frauenförderin profiliert. Die Frauenquote zum Beispiel hat ihr Ursula von der Leyen richtiggehend abgetrotzt. Natürlich wirkt sie als Vorbild, aber eher indirekt.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Was können Frauen – und Männer – von ihr lernen?

Margaret Heckel: Immer wieder an die eigenen Grenzen zu gehen. Das ist ein durchgehendes Prinzip in ihrem Leben seit der Kindheit: An die Grenzen gehen, sie überwinden und dann immer weiter rauszuschieben. Merkel sagt von sich selber, sie sei als Kind ein „Bewegungsidiot“ gewesen: Sie konnte beispielsweise Treppen nicht richtig runtergehen und hat dennoch davon geträumt, Eiskunstläuferin zu werden oder auf dem Schwebebalken zu turnen.  Einmal stand sie die ganze Schulstunde über auf dem Dreimeterbrett und traute sich nicht, runter zu springen. Kurz vor dem Gong ist sie gesprungen. Sie hat ihre Angst überwunden und wieder eine vermeintliche Grenze rausgeschoben. Mit jeder dieser überwundenen Grenzen wurde sie selbstbewusster, weil sie die Aufgabe erfüllt hat und einen Schritt weiter gehen konnte. Merkel versucht immer, noch ein bisschen mehr zu erreichen und ihre eigenen Grenzen zu verschieben. Dadurch bleibt sie in einem kontinuierlichen Lernprozess, von dem sie sehr profitiert.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION:  Das schließt das Scheitern mit ein. Sie sieht Scheitern nicht als Niederlage, sondern als Herausforderung und Anlass zum Wachsen.

Margaret Heckel: Absolut. Das ist der Grund, dass sie diese Karriere so machen konnte. Aufgeben ist keine Option. Scheitern ist eine Chance, es beim nächsten Mal zu schaffen.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION:  Ein gutes Motto. Schade nur, dass uns dieses Vorbild einer Frau an der Spitze der Politik gesamtgesellschaftlich im Hinblick auf die Teilhabe von Frauen und Frauen in Führungspositionen nicht auf die Überholspur bringt.

Margaret Heckel: Das hat auch damit zu tun, dass Merkel nicht wirklich charismatisch ist und auch nicht besonders gut in der Kommunikation. Sie ist keine, die andere richtig mitreißt. Sie ist selten persönlich in ihren Reden. So macht sie es den anderen nicht gerade leicht, sie zu verstehen oder zum Vorbild zu nehmen.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION:  Jetzt bin ich noch neugierig, woran Sie gerade aktuell arbeiten. „Die Midlife-Boomer“ war ja einer ihrer letzten Titel.

Margaret Heckel: Es geht darin um den demografischen Wandel, der unsere Gesellschaft in diesem Jahrhundert ähnlich prägen wird wie die Öko- und die Frauenbewegung im vergangenen Jahrhundert. Viele unserer Kinder werden hundert Jahre leben. Alle vier Jahre erhöht sich unsere weitere Lebenserwartung um zwölf Monate. Was machen wir damit? Wie finanzieren wir das? Wie lange werden wir arbeiten? Können wir dabei glücklich sein?

Seit ich mich 2009 selbstständig gemacht habe, suche ich nach Beispielen, wie wir konstruktiv mit diesem Geschenk des längeren Lebens umgehen können und habe überall in Deutschland Phantastisches gefunden. Mir ist deshalb überhaupt nicht bange vor den Veränderungen, ganz im Gegenteil. Wir alle werden länger gesünder und vor allem glücklicher leben. Wie, das beschreibe ich in  „Die Midlife-Boomer. Warum es nie spannender war, älter zu werden“. Wie wir in Zukunft arbeiten werden und was Pionierunternehmen heute schon machen, steht in dem Folgeband „Aus Erfahrung gut. Wie die Älteren die Arbeitswelt erneuern“.

In diesem demografischen Wandel gibt es sehr viele interessante Projekte und eines davon ist, niemals mit dem Lernen aufzuhören. Das habe ich von Angela Merkel gelernt. Früher dachte man ja tatsächlich, dass unsere Gehirne irgendwann nicht mehr lernen können. Heute wissen wir, dass das totaler Unsinn ist. Wir lernen unser Leben lang, bis zu unserem letzten Atemzug.

 


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Kommentar(e)

  1. Sehr kluge Fragen und sehr kluge Antworten…

    Es wird Zeit, dass rund 40 Prozent der Leitungsstellen mit Frauen besetzt sind, die ihre fachlichen und persönlichen Fähigkeiten und Erfahrungen gestaltend und entwickelnd einbringen.