„Erkennen Sie, um welchen heißen Brei herumgeredet wird und vertreiben Sie Ihre heiligen Kühe!“

Unser Interview mit Prof. Dr. Brigitte Witzer

130311_Foto_BWitzer_Outdoor_2_200x300Sie ist Rednerin der Women Speaker Foundation und hat als Executive Coach und Expertin für Leadership und Wirtschaftsethik einen tiefen Einblick in die Gravitationsverhältnisse auf den Führungsetagen der Konzerne. Prof. Dr. Brigitte Witzer hat Erfahrung als Geschäftsführerin, den wissenschaftlichen Background der Professorin und sie ist Autorin. Uns interessierte ihr erfahrener und analytischer Blick auf Männer und Frauen im Management – herausgekommen ist eine klarsichtige und pointierte Betrachtung über Königinnen, Helden und Gefühle, die wir alle kennen: Viel Spaß beim Lesen!

Women Speaker Foundation: Frau Professorin Witzer, wie sehen Sie die Situation der Frauen auf dem Weg in die C-Level Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft?

Prof. Witzer: Wie ich das wahrnehme, gibt es zwei Arten von Karrieren für Frauen, die jetzt schon existieren: Frauen, die Vorstand sind, wollten das immer schon und werden es dann auch. Oder aber, sie haben immer das Nächstliegende getan, den nächsten herausfordernden Inhalt gut gemacht und sind so Vorstand geworden. Sprich: Zielklarheit bzw. Firefighting auf hohem Niveau.

Alle anderen stehen traditionell für die Ökonomisierung nicht zur Verfügung. Meine Metapher dafür: Wir haben nicht gelernt, die „Macht am Herd“ abzugeben, weil wir nicht wissen, ob denn unsere Macht außerhalb des Privaten trägt – sonst wäre das alles längst durchbrochen. Ein neues Rollenmodell für Frauen haben wir noch nicht und auch kein Rollenmodell für Männer.

Immer noch erfolgreich sind alte patriarchale Muster und Konzepte, die weiterhin nahezu unbewusst ablaufen; darunter außerordentlich kraftvoll die Täter-Opfer-Dynamik. Es ist an uns in dieser Gesellschaft, solche Muster aufzudecken und abzubauen, zunächst einmal aber, sie bewusst zu machen. Denn es ist ein echter Erkenntnisgewinn, zu wissen, dass es diese Dynamiken gibt: Ich überdecke meine Angst mit Aggression, so werde ich Täter – ich überdecke meine Wut und Aggression mit Angst, so werde ich Opfer. Und Opfer sein, das haben Frauen gelernt. Wenn wir unsere Gefühle alle zulassen, auch die für Frauen „schlecht beleumdeten“, dann müssen wir nicht in diese Dynamik und verstehen gleichzeitig mehr von uns selbst. Probieren Sie es aus! Sie spüren sehr genau, was eigentlich dran ist, fühlen ihre Gefühle und können sagen: „Ich bin wütend“, und gehen nicht zaghaft, verschämt oder hilflos darüber hinweg.

In Paarbeziehungen ist es oft noch so, dass er Täter ist und sie Opfer – außen – und drinnen ist er es, der nicht weiß, wo die Socken sind und welche zur Hose passen: sie ist die Täterin und sagt ihm und den Kindern, wo’s lang geht. Da, wo Machismo herrscht, ist die Mama noch mehr geadelt… Sie wird vergöttert für die sensationelle Pasta – eine extrem stabile Fußfessel an den heimischen Herd. Frauen kennen beide Seiten, leben sie aber immer zugunsten der Männer. Das Rauskommen geht über das tatsächliche Leben der Gefühle, ohne sie in den falschen Rollen zu überdecken.

Women Speaker Foundation: Aber dieses Klären und Wahrnehmen der Gefühle ist gerade in Unternehmen überhaupt nicht geachtet, wird nicht wertgeschätzt.

Prof. Witzer: Gefühle sind die wesentliche Quelle für Informationen, die wir Menschen haben. Es wird seit 1996 im Management über Emotionen gesprochen, seit es den Begriff der Emotionalen Intelligenz gibt. Das bedeutet aber überhaupt nicht, dass Emotionen genutzt werden sondern sie wurden technisiert und quantifiziert, vor allem genutzt für die Selbststeuerung. Die Show „Emotionale Intelligenz“ geht weiter, aber Gefühle kommen nicht vor. „Talking about emotions yes, showing emotions – no!“

Women Speaker Foundation: Gilt das im gleichen Maße auch für Frauen?

Prof. Witzer: Executives sind schnell, und deshalb bleiben die im Kopf – Gefühle müssen erst einmal gefühlt werden. Unsere Wirtschaft ist noch immer ein Heldenspiel – und Helden müssen noch siegen. Wenn man nur siegen oder total verlieren kann, dann gibt es keinen Raum für Lernen. Das haben wir in 6.000 Jahren Patriarchat gelernt: Der Gewinner bekommt alles.

Und so rufen die meisten Topmanager Visionen aus, die außerordentlich anstrengend sind: Die Ställe des Augias reinigen beispielsweise. Das sind Aufgaben, die gar nicht so richtig zu bewältigen sind. Keiner weiß so genau, ob die wirklich dreckig sind, aber wenn einer die reinigen will, dann heißt das, dass da wohl Not am Mann ist. Die Risiken der „übermenschlichen“ Aufgaben nehmen die Manager gerne auf sich – wenn es gelingt, dann ist der Applaus der ihre. Die Nachteile von Heldentum aber werden vergesellschaftet. Die Helden suchen sich ihre Aufgabe selbst und das ist nicht unbedingt eine, die das Unternehmen oder der Job wirklich erfordern oder hergeben.

Frauen handhaben das anders: Frauen hören zu, aktives Zuhören bedeutet: Ich will wirklich wissen, was hier los ist. Sie geben sich am Anfang eine Basis für Entscheidungen im Unternehmen. Zuhören aktiviert nicht nur den Intellekt, sondern auch unsere Gefühlsbasis: „OK, reden kann er so, aber ich spüre Angst.“ Wir schauen unserem Gegenüber ins Gesicht. Seit Mai vergangenen Jahres gibt es Frauen in Vorständen, das ist gut. Es wäre natürlich besser, wenn es jeweils zwei oder drei wären, die an einem Strang ziehen, als wenn es nur eine ist. Und ich glaube, etliche Frauen, die etwas über Gefühle begriffen haben, unterlassen es im Moment, eine angemessene Kultur zu erzeugen.

Women Speaker Foundation: Also Frauen leben diese Kultur nicht?

Prof. Witzer: Genau, sie müssten sie durch Spielregeln gestalten. Wenn ich in meiner Abteilung beispielsweise sage, der Bonus wird für Kooperation ausgezahlt und nicht für das altbekannte Rattenrennen, ist das ganz eindeutig und relativ simpel. Wenn ich das nicht tue, bleibt es bei den alten Regeln und die sind ‚Wettbewerb’. Das erlebe ich oft im mittleren Management: Frauen ändern die Regeln nicht, sondern denken, die seien eben einfach so. Was in Unternehmen stattfindet, ist aber ein Set an Spielregeln, es ist nicht eine in die Gene geschriebene Grundlage menschlichen Lebens.

Dieses Kulturthema ist ein relevantes Thema. Zu begreifen, wie die Unternehmenskultur tickt, ist erhellend. Durch Leistung allein kommen wir nicht an die Spitze der Macht. Anstatt die Spielregeln zu ändern, machen Frauen oft nur so ein bisschen mit. Wenn ich aber möchte, dass ab sofort Halma gespielt wird und nicht mehr Monopoly, brauche ich zunächst ein klare Ansage, ein neues Brett, neue Figuren, Spielregeln – und dann wollen wir mal Halma spielen. ‚Aggredi’ heißt ‚vorwärts gehen’: Täter haben gelernt etwas zu wollen, Opfer dagegen wollen nur ‚von etwas weg’. Eine Idee zu haben, eine Vorstellung davon, was man will, dann seine Gefühle zulassen und dafür in die Verantwortung zu gehen – das ist der Weg von der Prinzessin zur Königin. Wenn ich in die Verantwortung für mich gehe, beende ich die Opfer-Täter-Dynamik.

Women Speaker Foundation: … und das ist der Schritt: zu erkennen, was fühle ich, wo bin ich. Ich muss überlegen: „Wo will ich hin?“, und Verantwortung für mich übernehmen.

Prof. Witzer: Ich schaue, „Was will ich für mich und was ist meine Verantwortung?“, nur diese Kleinigkeit: Gehen Sie als Mensch in ihre Verantwortung. Die Überwindung des Heldentums in der Wirtschaft bedeutet auch, dass Männer genau so einen Zugang zu ihrer Männlichkeit finden, die nicht heroisch ist. Das sind jetzt die Herausforderungen. Es geht um Bildung im Sinne von Olof Palme: gebildet ist, wer das, was er weiß auch umsetzt. Und dieses Wissen kann emotional oder intellektuell erzeugt sein, das ist mir egal. Erkennen Sie, um welchen heißen Brei herumgeredet wird und vertreiben Sie ihre heiligen Kühe.

Women Speaker Foundation: Vielen Dank für dieses Gespräch.

 


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