„Schön!“: Über Attraktivität, Erfolg und das gute Leben

Am 16. September erscheint der neue Titel von Dr. Rebekka Reinhard SCHÖN! Schön sein, schön scheinen, schön leben – eine philosophische Gebrauchsanweisung. (Ludwig Verlag). Das ist ihr Blogbeitrag zum Thema:

CoverHauptsache: Schön! Nie war der Druck, gut auszusehen, größer als heute. Im Zeitalter von Perfektionismus und Optimierungswahn ist ein attraktives, strahlendes Äußeres keine Option mehr – es ist ein Muss. Kaum eine Frau kann sich dem Diktat der Medienkultur entziehen, die „normal“ mit „hässlich“ gleichsetzt. Keine ist so charakterstark und weise, als dass der Anblick ihrer Orangenhaut sie kalt ließe.

Schönheit gilt längst nicht mehr als ein Geschenk der Natur. Das Credo unserer Zeit lautet: Schönheit ist eine Leistung. Wer den besten Job, den verständnisvollsten Partner und das eleganteste Apartment anstrebt, kann nicht mit Wohlfühlbauch herumlaufen. Wer zeigt, was er hat (eine schlanke Taille! Reine, glatte Haut!), zeigt, was er kann. Wer sich weigert, sich nach einem 12-Stunden-Tag jauchzend auf den Crosstrainer zu werfen, hat schon verloren. Lieber zweifeln wir an unserem IQ als daran, dass wir ein paar Pfund zu viel auf den Rippen haben. Wenn wir konkurrenzfähig bleiben wollen, müssen wir eben hart trainieren – und uns schleunigst unserer Stirnfalten entledigen. Oder? 

Um unserer Ambitioniertheit das Sahnehäubchen aufzusetzen und unsere Markt- und Zukunftsfähigkeit für alle sichtbar zu machen, haben wir an unserem Image zu feilen. Die conditio sine qua non einer viel versprechenden Karriere sind hochaufgelöste Portraitfotos, auf denen wir durchgestylt und extrem motiviert in die Kamera lachen. Wenn wir nach oben wollen, müssen wir Charisma-Trainings absolvieren, Schauspieltechniken erlernen, die effektivsten Selbstinszenierung beherrschen. Nicht?

Die Optimierung des Äußeren ist nie per se verwerflich. Kritisch wird es dann, wenn die auf Hochglanz polierte Oberfläche das, was dahinter steckt, in Vergessenheit geraten lässt; wenn es mehr um Form als um Inhalt, mehr um Schein als Sein geht… wenn die Authentizität zur Pose wird. Aus philosophischer Sicht kann unser höchstes Ziel nicht sein, uns zu wandelnden Superlativen zu stilisieren – sondern dafür zu sorgen, unserer Existenz eine schöne, sinnvolle Form zu verleihen. Letztlich wollen wir ja gar nicht den perfekten Körper, die perfekte Frisur, das perfekte Lächeln. Sondern Anerkennung, Gelingen, Triumph, Erfüllung. Hinter dem Wunsch, attraktiv zu wirken, verbirgt sich stets die Hoffnung auf Glück. Aber nicht das Gewichtheben, nicht das Schauspieltraining und erst recht nicht die ästhetischen Chirurgie führen zu einem gelingenden, erfolgreichen Leben.

Glück und Erfolg sind wesentlich eine Frage der Haltung. Eines Ethos, der es uns ermöglicht, Orientierung, Sicherheit, Vertrauen nicht im Außen zu suchen, sondern in uns zu finden. Niemand wir mit einer inneren Haltung geboren. Wir müssen sie erst erwerben – durch gewohnheitsmäßiges Üben. Haltung ist keine einmal getroffene Richtungsentscheidung, sondern ein lebenslanger Lernprozess, der mit dem Umgang mit uns selbst beginnt. Wer sich angewöhnt, sich selbst kritisch nicht nur über die Ziele, sondern auch die Motive seines Handelns zu befragen; wer sich in Besonnenheit, Mut, Liebe und Rechtschaffenheit übt (statt bloß im Fitnessstudio zu strampeln); wer seine moralischen und geistigen Anlagen kultiviert (statt seine Gestik zu perfektionieren); wer sich von Schönheit inspirieren lässt (anstatt ihr hinterherzujagen), von Kunst, Musik, Literatur, Natur – der führt sein Dasein automatisch zum Erfolg.

Dieses Leben ist kein Wellnessaufenthalt. Es macht nicht „schön“. Im Gegenteil. Viele berufliche und private Herausforderungen sind alles andere als vorteilhaft für unser Aussehen. Na und? Beschweren wir uns nicht. Arbeiten wir lieber an unserer Haltung und lernen wir, ein Gespür für die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu entwickeln. Der glücklichste, auf ganzer Linie erfolgreichste Mensch ist selten auch der attraktivste. Es ist der mit dem größten inneren Reichtum.

 Dr. Rebekka Reinhard

promovierte über amerikanische und französische Gegenwartsphilosophie. Ihr Portfolio „philosophy works!“ umfasst Vorträge, Workshops und Einzelberatungen. Rebekka Reinhard ist Key Note Speaker für Unternehmen; zudem philosophiert sie mit Patienten des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihr erstes Buch, Die Sinn-Diät, erschienen 2009, war bereits ein SPIEGEL-Bestseller. 2010 folgte Odysseus oder die Kunst des Irrens, 2011 Würde Platon Prada tragen?

 


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