Interview mit der Münchner OB-Kandidatin Sabine Nallinger

Frau Nallinger, Sie kandidieren als Oberbürgermeisterin in München – welche Erfahrungen haben sie mit den Männerkulturen in der Politik gemacht und was denken Sie, warum es nur so wenige Frauen in Führungspositionen in der Kommunalpolitik gibt?

Foto: Konrad Fersterer

Foto: Konrad Fersterer

Sabine Nallinger: Ich verfüge nicht über lange Erfahrung in der Parteipolitik. Ich bin allerdings schon sehr früh ein politischer Mensch gewesen, politisch interessiert, habe mich auch eingebracht in Bürgerinitiativen und in Vereinen und habe mich eingemischt. Ich bin vielleicht vor 13 oder 14 Jahren bei den Grünen eingetreten und ich bin jetzt seit knapp sechs Jahren im Stadtrat. Davor habe ich mich sehr auf meinen Beruf konzentriert und habe da natürlich schon auch  grüne Projekte voran getrieben in der Stadt und in der Verkehrsplanung, aber ich bin quasi eine Quereinsteigerin in der Politik. Auch mein Beruf ist eine Männerdomäne, ich bin ja Stadt- und Verkehrsplanerin. Als ich vor über 20 Jahren angefangen habe,  war die Verkehrsplanung ein reiner „Männerladen“.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Warum ist es für Frauen schwierig in der Politik weiter zu kommen, wo sind die Barrieren?

Sabine Nallinger: Wir hatten ja viele Jahre in Frankfurt die Petra Roth, die einen super Job gemacht hat und auch Städtetags-Präsidentin gewesen ist. Mittlerweile gibt es keine einzige Großstadt mehr, die von einer Frau regiert wird. Das hat, glaube ich, auch sehr viel damit zu tun, dass Frauen stärker abwägen, was der Job für ihr Leben bedeutet und zu anderen Schlüssen kommen als die Männer. So ein Oberbürgermeister hat einen  20-Stunden-Job, man hat sehr lange Tage und ist natürlich auch der Öffentlichkeit ausgesetzt, das ist nicht jedermanns Sache und es wird schwierig, sich noch eine Privatsphäre frei zu halten. Ich habe jetzt also wirklich für das Familienleben nicht mehr viel Zeit, das sind schon Entbehrungen.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Meinen Sie, Frauen sind dazu weniger bereit als Männer?

Sabine Nallinger: Da sind andere Ziele und andere Herangehensweisen – ich glaube schon, dass Frauen andere Prioritäten haben. Ich glaub‘ auch, dass die Art und Weise Politik zu machen unterschiedlich sind. Das sieht man auch auf öffentlichen Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen. Auch wenn der Anteil an Frauen und Männern gleich ist – es sind viel mehr Männer, die im Publikum öffentlich Fragen stellen. Und das merkt man auch im Stadtrat. Bei den Quoten in der Politik, da gibt es noch einiges zu tun da sind wir Frauen noch lange nicht zu 50% vertreten, auch nicht in der Kommunalpolitik. Und letztendlich soll das ein Abbild der Gesellschaft werden und da müssen wir noch besser werden. Das hat viel damit zu tun, dass man natürlich in der Öffentlichkeit seine Meinung vertritt, dass man sich auch in der Öffentlichkeit bei einem Angriff verteidigen muss. Ich glaub schon, dass das Frauen schwerer fällt, die Frauen drängen sich da nicht so in den Vordergrund, wie das die Männer tun.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Ist es vorstellbar, dass es eine andere Kommunikationskultur geben könnte? Sollten Frauen darauf achten, dass sie diese Umgangsweise im Miteinander verändern – die Kultur in der Politik, in den Gremien und in der Öffentlichkeit?

Sabine Nallinger: Das ist eine gute Frage, da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Als ich vor sechs Jahren in den Stadtrat gekommen bin war es so – und auch noch heute ist es bei den beiden Volksparteien SPD und CSU so – dass die sich im Stadtrat immer gegenseitig beschießen, Vorwürfe machen, da wird es laut, da wird auf Angriff geschaltet, da wird auch unter der Gürtellinie argumentiert – das sind Dinge zum Beispiel, die sind mir total fremd. Ich will über Argumente überzeugen und nicht durch einen Wettbewerb, wer kann jetzt die schlimmeren Schimpfwörter sagen. Da habe ich einen ganz anderen Stil als meine Mitbewerber. Ich bleib bei mir und ich merke, dass der Wahlkampf durch meine Person auch einen anderen Charakter bekommt. Also bei den Podien, die wir haben, wir haben über 20 gemeinsame Podiumsdiskussionen hier in der Stadt, da sagen viele hinterher, „es ist so harmonisch bei euch“ – und ich glaube, wenn ich nicht dabei wäre, wäre das anders. Es ist schon so, dass die Männer mich z.B. nicht so angreifen, wie sie es untereinander tun. Durch meine Präsenz und durch mein Mitdiskutieren kommt da ein anderer Stil rein.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Das heißt, Ihre Strategie ist, bei sich zu bleiben und nicht mitmachen, nicht  selber in den Angriff gehen und den Stab aufnehmen, sondern sachgerichtet argumentieren, wie Sie es immer getan haben.

Sabine Nallinger: Ganz genau.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Es gibt wohl nur in 5% aller Städte mit mehr als 10.000 Einwohnern Frauen als Bürgermeisterinnen – das ist wirklich wenig. Haben Sie eine Strategie, wie Sie dieses Thema, sollten Sie die Kommunalwahl gewinnen, weiter voran bringen wollen?

Sabine Nallinger: Das eine ist, selber Oberbürgermeisterin werden. Weil ich glaube, man braucht Vorbilder, ich glaube, man braucht auch das Rollenbild. Ich möchte Ihnen da gern mal eine Geschichte erzählen: ich habe zwei Töchter, die sind 13 und 16 Jahre alt. Als bei mir die Entscheidung anstand, ob ich kandidiere, haben wir in der Familie diskutiert, ob ich meinen Hut in den Ring werfe und meine beiden Töchter haben spontan gesagt: „Aber Mama, das sind doch immer Männer, die die Städte regieren, wie willst denn du das als Frau machen?“ Da dachte ich mir, ok Mädels, ihr braucht Vorbilder. Ihr braucht dieses Bild überhaupt, dass eine Frau sowas kann und dass eine Frau sowas gut kann

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Wahrscheinlich ist das noch immer ein Defizit: die Rollenbilder sind bei unseren Töchtern noch nicht angekommen – ich denke, dass die Rollenbilder bröckeln, aber dass wir noch keine neuen haben, weder für Männer noch für Frauen.

Sabine Nallinger: Ja, das sind eben nur fünf Prozent und wenn man immer Männer sieht, die auf dem großen Stuhl sitzen, dann bleibt es bei dem Bild: anscheinend können das nur Männer. Es braucht zunächst mal Beispiele. Aber da ändert sich ja schon was, deswegen hatte ich das ja hier geschildert, wie hier die Podiumsdiskussionen , da wird jetzt sachlich er gearbeitet und einander mit mehr Respekt begegnet – auch nicht so hitzig und unter der Gürtellinie – da ändert sich ja schon was, allein durch die Art und Weise, wie ich hier mit diskutiere mit meinen Mitbewerbern.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Wie sehen Sie das mit den jüngeren Männern, sind die anders in ihrem Kommunikationsverhalten als ältere? Hat sich da was getan?

Sabine Nallinger: Ich meine, dass da eine Veränderung da ist und das jüngere Männer beispielsweise viel selbstverständlicher mit mir als Spitzenkandidatin umgehen, als das manch ältere machen. Ich glaube, da bewegt sich schon was.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Gibt es da noch andere Frauen auf Ihrer Ebene im Stadtrat?

Sabine Nallinger: Nein, die Fraktionsvorsitzenden sind immer Männer, wir bei den Grünen haben gemischt, einen Mann und eine Frau. Wir sind aber die einzigen. Bei den anderen Parteien sind die Männer die Sprecher.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Hat sich was geändert, seit Frau Merkel Kanzlerin ist?

Sabine Nallinger: Also auf jeden Fall höre ich das ganz häufig als erste Frage: „Ja, können Sie das denn als Frau?“ Die zweite Frage ist: „Ja dann sind Sie auch noch Mutter, geht das überhaupt?“ Und dann kommt oft: „Naja, die Merkel, die macht das ja ganz gut.“ Ich denke, ja, das hilft auf jeden Fall aber da bräuchten wir noch viel mehr davon.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Können Sie daran etwas  ändern?

Sabine Nallinger: Das wichtigste ist, dass man sich treu ist und dass man um die eigene Andersartigkeit auch weiß und dass man die aber bewusst auch setzt und sagt, lasst uns doch das beste von beiden, von Männern und Frauen, zusammenführen zu einem noch besseren. Da habe ich auch einen selbstkritischen Blick auf mich, als Frau möchte ich möglichst viele einbinden – das hat aber auch seine Grenzen: Ich lerne auch dazu – auch von männlichen Kollegen – was man vielleicht noch verbessern könnte.

Ich stehe für einen modernen Führungsstil und ich stehe auch für einen weiblichen Führungsstil. Das heißt also, dass ich sehr kommunikativ bin, dass ich zuhören kann, dass ich es schaffe, Vertrauen zu bekommen, was für mich sehr wertvoll ist, und dass ich gegen Herrschaftswissen bin. Ich denke schon, dass die großen Herausforderungen unserer Zeit sind, die Bürger mitzunehmen, die verschiedenen Interessen auszugleichen – wir hier in München müssen das Umland mitnehmen, weil wir die Aufgaben nicht alleine schaffen können – das heißt, hier muss jemand die Stadt regieren, der mit Menschen auch im Team arbeiten kann und gemeinsam dann zum besseren Ergebnis führt. Das würde ich mir attestieren, dass das mein Führungsstil ist.

WOMEN SPEAKER FOUNDATION: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben für dieses Gespräch.


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